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17.04.12

Abhängigkeit: Die Sorge über die Zukunft von ifttt

Richtig eingesetzt kann der US-Dienst ifttt zu einem äußerst leistungsfähigen persönlichen Assistenten für das digitale Leben werden. Doch die so entstehende Abhängigkeit von dem Service hat eine Schattenseite.

 

Die vergangenen Wochen waren geprägt von einer Reihe teils unerwarteter Schließungen sowie Übernahmen, welche einmal mehr die Nachhaltigkeit und langfristige Verfügbarkeit kostenfrei angebotener Onlinedienste in Frage stellen. Erst heute früh gab der Location-Dienst Ditto von Jaiku-Gründer Jyri Engeström seine Akquisition durch Groupon bekannt - und die Schließung am 30. April.

Die aktuellen Geschehnisse führten bei mir jüngst zu der Überlegung, welchen der von mir regelmäßig verwendeten Dienste ich die meisten Tränen nachtrauern würde; bei welchem in einer frühen Wachstumsphase befindlichen, nicht profitablen und damit nicht auf eigenen Beinen stehenden Angebot ich besonders über eine für Nutzer wenig vorteilhafte Veränderung wie etwa eine "Talent-Akquisition" besorgt bin. Die Antwort: ifttt.

Der kalifornische Service, mit dem Dutzende Webanwendungen miteinander in Interaktion versetzt werden können, hat sich für mich von einer magischen, aber wenig produktiven Spielerei in einen kraftvollen Motor meines Internetalltags verwandelt (falls ihr zum ersten Mal von ifttt hört, findet ihr hier eine Beschreibung der Funktionsweise). Im Laufe der Zeit kamen mir immer mehr praktische, durch ifttt realisierbare Zusammenschlüsse von Onlinediensten in den Sinn, weshalb mittlerweile eine signifikante Zahl von mir Tag für Tag veranlasster digitaler Prozess durch ifttt ausgeführt wird. Im November skizzierte ich fünf Beispiele, und Kollege Thomas Mauch erläuterte im September bei unserem Schwesterblog imgriff.com, wie sich ifttt als Lifetracking-Tool einsetzen lässt.

ifttt hat sich zu meinem persönlichen Assistenten entwickelt, der meine bevorzugten Onlinedienste um eine nahezu unendliche Zahl an zusätzlichen, ihnen ab Werk fehlenden Integrationspunkten mit anderen Services erweitert.

Was mich im Bezug auf das im vergangenen Jahr gegründete Startup aus San Francisco beunruhigt, ist die Tatsache, dass keinerlei Alternative existiert. Während sich beim Großteil der in letzter Zeit lancierten Angebote gleich mehrere aufstrebende Webfirmen im selben Segment bewegen und somit bei einem eventuellen "Ausfall" zumindest eine Ausweichlösung vorhanden wäre, befindet sich ifttt mit seinem Konzept des "Digitalen Klebebandes" allein auf weiter Flur. Dem überaus nützlichen Dienst am nächsten kommt das ins Silicon Valley umgesiedelte österreicher Startup Wappwolf. Dieses positioniert sich allerdings als eine Art "ifttt für Dateien" und legt sein Hauptaugenmerkt auf Prozesse rund um den Speicherdienst Dropbox.

Für mich entsteht damit folgende Situation: ifttt belegt den ersten Rang in der Liste der Dienste, ohne die ich mir einen produktiven Onlinealltag nicht mehr vorstellen möchte. Gewissermaßen bin ich also von ifttt abhängig. Andere Anbieter mit ähnlicher Ausrichtung gibt es nicht. Das augenscheinlich äußerst talentierte ifttt-Gründerduo Linden Tibbets und Jesse Tane lebt noch dazu am weltweit bedeutsamsten Hotspot der Technologie-Branche - in unmittelbarer Nähe der Hauptquartiere sämtlicher milliardenschwerer Internetfirmen, die keine Ausgaben scheuen, um fähige Entwickler für sich zu gewinnen.

Meine Furcht, eines Morgens aufzuwachen und den Blogbeitrag des ifttt-Teams serviert zu bekommen, in dem sie ihre Akquisition durch Google, Facebook oder Twitter und eine baldige Einstellung ihres Dienstes bekannt geben, ist daher vielleicht nachvollziehbar.

Wäre das Risiko einer derartig einschneidenden Veränderung ausgeschaltet, würde ifttt von seinen Anwendern eine monatliche oder jährliche Gebühr verlangen? Sicherlich nicht komplett. Dennoch hätten sprudelnde Umsätze (sofern neben mir auch andere zum Bezahlen bereit sind) einen Einfluss darauf, wie die Macher auf eventuelle Übernahmeangebote reagieren. Es entstünde eine moralische Verpflichtung der Gründer ihren Kunden gegenüber, die bei einem nicht monetarisierten Gratisangebot - was ifttt zur Zeit darstellt - einfach fehlt.

Im Januar dieses Jahres erhielt ifttt ein Seed-Funding in Höhe von 1,5 Millionen Dollar durch "namhafte Investoren" des Silicon Valley. Üblicherweise führt ein solches Engagement zu positiven Assoziationen, signalisiert in diesem Fall aber auch, dass ifttt anders als beispielsweise populäre Mini-Startups wie Instapaper oder Pinboard den klassischen, mit Venturekapital gepflasterten und auf einen Exit abzielenden Wachstumspfad beschreiten möchte. Im speziellen Fall von ifttt, das ausnahmsweise nicht auf Netzwerkeffekte angewiesen ist und aufgrund seines enormen, produktivitätserhöhenden Nutzwerts eine potenziell zahlungswillige Anwenderschaft besitzt, hätte ich mir eine frühzeitige Umsatzfokussierung gewünscht, bevor Risikokapital in Millionenhöhe von den "üblichen Verdächtigen" (u.a. Michael Arringtons Crunchfund) aufgenommen wird.

Hoffentlich übertreibe ich mit meinem Pessimismus. Und hoffentlich werde ich auch in ein oder zwei Jahren noch in der Lage sein, über ifttt Onlinedienste miteinander harmonieren zu lassen, die sonst nicht die gleiche Sprache sprechen.

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