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23.09.09

a2n: Die Musikbranche und ihr Unverständnis vom Wandel

Vor einigen Tagen fand als Ersatz für die Popkomm die alternative Musikkonferenz all2gethernow statt. Ein Einblick in den Diskurs einer Branche im Wandel.

all 2gether now

Die 'Unkomm'

Vor einigen Monaten hat die Musikindustrie die jährliche Popkomm für dieses Jahr abgesagt. Entgangene Einnahmen durch illegale Downloads zwinge sie dazu, hatte Dieter Gorny, der Vorsitzende des Bundesvorstandes der deutschen Musikindustrie, nachgeschoben. So fand zum Termin der Popkomm letzte Woche die alternative Musikkonferenz all2gethernow statt. Zwei Tage lang wurde eine Art Barcamp (sprich Unkonferenz) veranstaltet. Auf diese folgte die eintägige, abschließende Konferenz.

Stirnrunzeln

Es war eine gute Möglichkeit, einen Einblick in den Diskurs innerhalb der Musikbranche zu erlangen. Immerhin würden hier nicht Hardliner wie Dieter Gorny ihre auf die politische Willensbildung gerichtete Kriegsrhetorik zum Besten geben. Es würde einen Dialog geben. Denn daran interessierte Musiker, Insider aus der Musikbranche, Blogger und interessierte Musikgeeks würden anwesend sein und miteinander sprechen. All together now. Ich war also gespannt. Gespannt, was diejenigen zu sagen haben, die ein Interesse an Veränderung ihrer Branche, am Anpassen an neue Bedingungen, am ökonomischen Überleben ihr Eigen nennen.

Neben einigen positiven Aspekten, wie etwa Amanda Palmers Ausführungen zum erfolgreichen Einsatz von Online-Tools (Artikel kommt noch), beherrschte allerdings eine erstaunlich rückständige Sicht auf die Dinge die Diskussion um die Lage der Branche.

Lippenbekenntnisse und Unkenntnis

Das Bemerkenswerteste an den Diskussionen, wie etwa in der "Werte2.0"-Paneldiskussion (Titel: "Werte 2.0 - Geistiges Eigentum vs. Netzkultur - Teil 2: Lösungsansätze"), waren inkosistente Lippenbekenntnisse.

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass sich die Geschäftsmodelle in der Musikbranche radikal ändern müssen. Im gleichen Atemzug aber wurde gefordert, dass die Konsumenten doch bitte pro Datei-Einheit bezahlen.

Der Wechsel vom Verkauf von CDs zu Verkauf von Dateien ist kein radikaler Wandel des Geschäftsmodells. Die Disruption durch das Internet bedeutet nicht, dass jetzt das, was bisher offline ablief, jetzt einfach weiter genau so online stattfindet. Nein, die Verlagerung nach online ist der Auslöser der Disruption. Ihre Folge tatsächlich radikal andere Geschäftsmodelle . Denn Disruption bedeutet nicht räumliche Verlagerung sondern Verschiebung der Dynamiken.

Ähnliches gilt für das Urheberrecht. Man ist sich einig, dass das Urheberrecht modernisiert werden muss. Die Implikationen eines "modernen Urheberrechts", nämlich Kontrollverluste auf Seiten der Urheber, will man nicht wahrhaben. Denn modern bedeutet hier nicht noch stärker, sondern angepasst an die neue gesellschaftliche Situation. Und diese erfordert dringend ein Urheberrecht, das die neuen Möglichkeiten der Interaktion der Konsumenten berücksichtigt; und das wiederrum bedeutet weniger, nicht mehr Rechte und Schutz für Urheber.

Auf der Werte2.0-Diskussion wurde dem Vertreter der Piraten vorgeworfen, er habe keine Ahnung. Tatsächlich ist aber bemerkenswert, wie wenig 'Ahnung' die Vertreter der Musikbranche von ihrem eigenen Markt und dessen Wertschöpfung haben. Generell fehlt es offensichtlich selbst den für die wirtschaftlichen Aspekte zuständigen Vertretern der Musikbranche an grundsätzlichem wirtschaftlichen Verständnis. Keine gute Voraussetzung für das wirtschaftliche Überleben in einer Disruption der eigenen Branche.

Wir sind nicht bereit, unsere Ideen kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Wenn nicht genügend Leute bereit sind, für eine Leistung Geld zu bezahlen, dann kann man diese als Piraten, Diebe, Geizkragen beschimpfen, das ändert aber nichts an der folgenden simplen Tatsache: Der Anbieter hat es nicht geschafft, etwas anzubieten, für das andere Geld ausgeben möchten.

Seit das Internet im Musikbereich (und in vielen weiteren Wirtschaftszweigen)Einkommensströme und Wertschöpfungen verschiebt, scheinen nun nicht wenige Musiker, Manager und andere nicht mehr viel von der Marktwirtschaft zu halten, die ihnen vorher Jahrzehnte gute Dienste geleistet hat.

Regulierung als Allheilmittel und bildliche Vergleiche als Rhetorikmittel

Stattdessen wurde etwa bei der Werte2.0-Diskussion vermehrt Regulierung gefordert. Das Internet müsse stärker reguliert werden, schallte es vom Podium. Erschreckender- und bezeichnenderweise blieben die Buh-Rufe aus dem Publikum aus.

Den Ruf nach mehr Regulierung tangieren dann oft meist recht eigenwillige Vergleiche. Das abwegigste war wohl der Vergleich mit dem Bedarf nach Billigfleisch, welcher zu Massentierhaltung führte. Andere Vergleiche waren die Luftverschmutzung in den Industriestaaten, die durch Regulation eingedämmt wird oder der frühe unregulierte Straßenverkehr, der mit Regeln gesellschaftlich gebändigt wurde.

Die Vergleiche sind natürlich aus mehrerer Hinsicht wenig sinnstiftend:

Es wird suggeriert, dass wir hier einen Teil der Gesellschaft vor uns haben, der unkontrolliert vor sich hinwuchert. Das ist natürlich Unsinn. Alle Gesetze, die offline gelten, gelten auch online. Online ist die gesetzliche Regulierung sogar noch stärker.

Es ist nun nur so, dass in der neuen Situation das Durchsetzen von gesetzlichen Ansprüchen wie etwa dem Urheberrecht so teuer und aufwendig geworden ist, dass das für die Betroffenen nicht mehr effektiv möglich ist. Das wiederrum liegt aber vor allem daran, dass sich die Gesellschaft durch das Internet ändert. Diese Änderung kann (und sollte) nicht durch Gesetze aufgehalten werden. Im Gegenteil: Gesetze müssen an Veränderungen in der Gesellschaft angepasst werden, um den gesellschaftlichen Konsens, was geht und was nicht geht, wiederzuspiegeln. Entgegen den Annahmen der Tonträgerindustrie etwa spricht die Gesellschaft beim Filesharing trotz zehnjährigen massiven Lobbyings eine klare Sprache.

Die der Forderung nach Regulierung zugrundeliegende Prämisse, dass es bei Filesharing um etwas grundsätzlich Schlechtes ohne etwaige positive Nebeneffekte geht, ist falsch . Weiterhin wurde wohlwissentlich immer die Frage nach der Art der Regulation ausgeblendet. Denn letztlich lässt sich Filesharing nicht unterbinden, ohne massiv in das Internet einzugreifen. Und selbst dann würde es künftig immer noch tragbare Festplatten mit mehreren Terabytes geben.

Nicht Filesharing ist das "Problem" der Musikbranche und anderer Entertainment-Branchen, sondern die veränderten Kostenstrukturen in der digitalen Welt, die auch zu einem Umdenken auf der Einnahmeseite zwingen.

Es ist auch mit den härtesten Gesetzen nicht verhinderbar, dass die Kosten zur Reproduktion von Dateien bei Null liegen.

Urheberrecht versus Datenschutz

Ich hatte neulich einen guten Artikel aus Canada gelesen (Link leider verschütt), in dem die meiner Meinung nach zutreffende These vertreten wird, dass das heutige Urheberrecht (bzw. dort Copyright) und dessen Durchsetzung im Internet nicht mehr mit dem Datenschutz vereinbar ist.

Das ist ein wichtiger Punkt. Will man Filesharing unterbinden, muss man den Leuten jegliche Form der Verschlüsselung untersagen. Macht man letzteres nicht, wird das Internet nicht ausreichend reguliert, um die Möglichkeit der unerlaubten, aber für alle Beteiligten kostenfreien Vervielfältigung, zu unterbinden.

Wie viele Konsumenten wird es wohl geben, die die Werke der Künstler kaufen würden, die ihnen die Online-Privatsphäre genommen haben?

Wirtschaft und Ethik, geschüttelt, nicht gerührt

Die Unsitte über das Bezeichnen des eigenen Produkts als Kulturgut ethische Argumente in eine wirtschaftliche Diskussion zu bringen und damit Erkenntnisgewinn zu erschweren, kennen wir von den Verlagen. In jenem Bereich kann das deutsche Spitzenpolitiker schon mal zu eigenartigen Aussagen hinreissen.

Auch in der Musikbranche ist es üblich, das eigene Produkt je nach aktuellem Diskussionsstand als Gut mit besonderer gesellschaftlicher Bedeutung zu bezeichnen. Nun ist das natürlich nicht ganz falsch. Allerdings werden auf dem Rücken dieser Aussage ganze Diskussionen im Keim erstickt.

Am Beispiel der Werte2.0-Diskussion und der Kulturflatratediskussion (an welcher ich auch teilnahm) auf dem all2gethernow:

Wurde die notwendige Entkriminalisierung der Jugend angesprochen - ein gesellschaftlich wichtiges und längst überfälliges Vorhaben -, folgte das Argument, dass es hier auch um Arbeitsplätze ginge (wirtschaftliches Argument). Wurde angeführt, dass es keinen Artenschutz auf Geschäftsmodelle gibt und es die Aufgabe eines jeden Anbieters ist, ein Angebot zu finden, für das Abnehmer bereit sind, zu bezahlen, wurde sofort Marktkradikalität unterstellt und gefordert, dass man das den Musikern, die etwas gesellschaftlich Wertvolles schaffen, dies nicht antun könne und die Musiker nicht wertschätze (ethisches Argument). Bis das Internet daherkam, hat sich niemand in der Musikbranche daran gestört, dass sie marktwirtschaftlich organisiert war. Jetzt, da das Internet die Spielregeln des Marktes ändert, ist jeder Hinweis auf den Markt radikal. Eigenartig, oder?

So funktioniert eine echte Diskussion natürlich nicht. Auf gesellschaftlich Notwendiges mit einem Wirtschafts-Argument und auf wirtschaftliche Argumente mit gesellschaftlich Schützenswertem zu antworten, ist der beste Weg, um aneinander vorbei zu reden. Es ist auch bequem: Wann immer Dinge angesprochen werden, die nicht in das eigene Weltbild passt, zieht man sich einfach auf das entsprechende andere System zurück und entzieht sich somit den eben geäußerten Argumenten.

Niemand spricht der Musik ihre gesellschaftliche Bedeutung ab. Aber abgesehen von punktuellen Förderungen lief der Musikbetrieb die letzten Jahrzehnte nach marktwirtschaftlichen Prinzipien ab. Genau so ist es auch heute. Musikschaffende können auch heute und auch morgen mit ihrer Musik Geld verdienen. Allerdings zunehmend nicht mehr mit der gleichen Verteilung der Einkommensströme der letzten Jahrzehnte. Wenn man aber über diese rein wirtschaftlichen(!) Verschiebungen reden will und das Gegenüber anfängt, von ethischen Werten zu reden, dann ist das keine Diskussion. Das ist dann ein Schmierentheater.

Daran schließt sich etwas an, dass der Mehrzahl der Insider der Musikbranche nicht ganz bewusst zu sein scheint: Es gibt keine Garantie auf Umsatz.

Die schlechte Argumentation des Piraten

Generell im deutschsprachigen Raum und speziell in Deutschland haben wir ein Problem: Es gibt im öffentlichen Diskurs rund um die notwendige Modernisierung des Urheberrechts fast ausschließlich Gruppen, die mehr oder weniger die Kampfrethorik der Rechteverwerter - und dort vor allem der Tonträgerindustrie - wiederholen. Das schließt neben allen traditionellen Medien zu weiten Teilen auch die deutsche Blogosphäre mit ein. Eine öffentliche Diskussion über die tatsächlichen Gegebenheiten findet nicht statt. Stattdessen wird Art und Objekt der Diskussion von einer betroffenen Interessensgruppe gelenkt. Die Interessensgruppe, welcher ihr Geschäftsmodell durch das Internet mehr oder weniger wegbricht.

Aber jetzt gibt es die Piraten. Eine Partei, die vieles verstanden hat und zumindest meist die richtigen Fragen stellt. Einziges Problem: Die deutsche Piraten-Partei scheint völlig unfähig, die eigenen Anliegen nach außen zu präsentieren. Auf der Werte2.0-Diskussion auf dem all2gethernow war der Pressesprecher der hessischen Piratenpartei beteiligt. Er vertrat weitestgehend die richtigen Positionen, aber schaffte es nicht, sie verständlich zu kommunizieren. Das ist für einen Pressesprecher ein bisschen befremdlich. Würde ich mich nicht seit langer Zeit intensiv mit diesen Themen beschäftigen, hätte ich wohl auch zu dem Teil (dem Großteil) des Publikums gehört, das ziemlich offen gegen ihn war.

Das ist ein Problem. Sogar ein sehr massives Problem. Solang nicht einmal bei Bloggern und anderen Vertretern der "digitalen Elite" ein grundsätzliches Verständnis für die Gegebenheiten entsteht, und solang diese dann nicht in der Lage sind, ihre Erkenntnisse anderen Gesellschaftsgruppen zu vermitteln, solang werden einzelne Interessensgruppen weiterhin die politische Willensbildung in diesem Bereich nach ihrem Gusto formen. Ohne Widerstand.

Kein sehr erbauendes Bild.

Ausblick

In einem weiteren Artikel werde ich die Gründe für die Disruption der Musikbranche näher beleuchten. Es gab auch nicht wenige positive Aspekte auf dem all2gethernow, beispielsweise die Session mit Amanda Palmer. Erkenntnisse aus Palmers Session werde ich in einem separaten Artikel zusammenfassen.

Außerdem wird es Zeit für ein paar Worte zum irreführenden Kampfbegriff "geistiges Eigentum".

Presseschau zum a2n:

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