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30.12.08

9 weitere Prognosen für 2009

Nach den zehn Prognosen für 2009 von Andreas Göldi folgen nun die Prognosen für 2009 von Marcel Weiß und Martin Weigert. Zum Abschluss spricht Markus Spath noch zwei Wünsche für 2009 aus.

 

Marcel Weiß:

1. Die Wirtschaftskrise, die das Jahr 2009 fest im Griff haben wird, wird es einigen Startups schwerer machen. Das Ökosystem Web wird aber insgesamt kaum unter der Krise leiden. Zum einen werden mehr Leute Zeit im Internet verbringen. Mit den DSL-Flatrates und dem reichhaltigen, oft kostenlosen Angebot im Netz lässt sich die Freizeit weitaus vielfältiger und, jetzt besonders wichtig, gleichzeitig kostengünstiger verbringen, als mit Kabel-TV, DVDs oder Printmagazinen.

Gleichzeitig wird die Zahl an neuen Startups und Webprojekten nicht zurückgehen. Eher dürfte, was viele überraschen wird, die Zahl eher noch höher gehen. Der Grund ist ein Zusammentreffen zweier Umstände:

Zum einen jetzt frei werdende Programmierer, die entweder gleich etwas eigenes starten oder nebenbei ein wenig experimentieren, bis sie den nächsten 'ernsthaften' Job finden.

Und zum anderen eine diesen ersten Umstand begünstigende, phänomenal günstige Infrastruktur. Mit den Amazon-Cloud-Computing-Angeboten S3, EC2 und CloudFront etwa wird noch mehr gearbeitet werden. Noch wichtiger wird voraussichtlich Googles App Engine, auf dem man kleine Projekte bis fünf Millionen Pageviews kostenlos betreiben kann.

Wir werden sehr viele kleine Mashups sehen, die bestehende Dienste kreativ verbinden und kostengünstig umgesetzt sind. Aus diesem Hit-and-Miss-Feuerwerk werden ein paar Stars aufsteigen. Wichtiger für das Web werden aber die unzähligen kleinen Dienste sein, die ihre eigenen Nischen finden werden. 

2. Facebook und Facebook Connect werden 2009 weite Teile des Webs bestimmen: Im Gegensatz zu Andreas Göldi glaube ich nicht, dass sich Social Networks auf das Wesentliche konzentrieren werden, um 2009 zu überleben oder damit gar profitabel werden. Jedes Social Network, dass wie studiVZ nur auf Bannerwerbung setzen und nicht den Freemium-Weg wie Xing gehen kann, hat ein Problem. Wir alle wissen, wie gut klassische Werbung auf Social Networks funktioniert. Verbindungen mit anderen Plattformen und eine eigene Plattform sind für die meisten notwendig.

Facebook wird das Feld trotzdem dominieren. Mit weltweit über 140 Millionen aktiven Nutzern und täglich über 600.000 neuen Nutzern, ist Facebook bereits enorm groß. Das gibt vielen anderen Sites gute Gründe Facebook Connect zu implementieren. In Verbindung mit Facebook Connect, der internen Facebook-Plattform und dem Facebook-Newsfeed hat Facebook ein Gesamtpaket an der Hand, das es 2009 über das ganze Web wird ausbreiten lassen. Niemand hat dem aktuell etwas entgegenzusetzen, und, was wichtig ist, kurzfristig gewinnt jeder Beteiligter - Facebook, Connect-Partner, User. Die offenen Standards, zusammengefasst unter dem Begriff Open Stack, sehen demgegenüber leider alt aus, wie Markus Spath weiter unten noch anführt. Die einzige Wildcard in diesem ganzen Spiel ist aktuell Googles Friend Connect.

Nebenbei: In Facebook Connect wird das Geschäftsmodell von Facebook liegen.

3. Mikroblogging wird immer wichtiger: Twitter wird seinen Weg in den Mainstream fortsetzen. In den USA ist man schon fast angekommen. Auch andere Publishing-Plattformen, die auf Einfachheit setzen, wie Tumblr, werden schneller wachsen als die klassischen Bloganbieter. Der Grund ist banal: Je einfacher und zeitsparender man veröffentlichen kann, desto mehr Leute sind gewillt, das regelmäßig zu machen. Klassisches Bloggen ist oft mit zu viel Ballast verbunden.

4. Das Realtime-Web wird wichtiger und größer: Mit Twitter kam das Realtime-Web. 2009 werden wir sehr viele Entwicklungen sehen, die das Realtime-Web voranbringen. Die FriendFeed-Macher haben mit SUP ein Protokoll entwickelt, das einen schnelleren Updateaustausch zwischen Diensten befördert. RSS ist für Echtzeitanwendungen zu langsam (bzw. zu ressourcenaufwendig, wenn in Echtzeit genutzt). Gnip hat sich als Unternehmen dem schnellen Datenaustausch zwischen Diensten ebenfalls verschrieben. In diesem Feld wird es 2009 viele Entwicklungen geben.

5. Bundestagswahl in Deutschland 2009: wird lustig. Viele Politiker werden, ganz nach Obama, das Web für sich zu nutzen versuchen. Das wird auf jeden Fall interessant. Die Wahl wird auch wichtig für den Standort Deutschland: Nach wie vor herrscht hierzulande ein innovations- und generell internetfeindliches Klima in Politik wie Medien. Sollten die Politiker zaghafte Wahlkampf-Schritte ins Netz wagen, werden sie mit dringenden Fragen konfrontiert werden, auf die sie nicht vorbereitet sind.

 

Martin Weigert:

1. Der globale Wirtschaftsabschwung wird 2009 die Entwicklung des Webs bestimmen - mit negativen und positiven Auswirkungen. Bestehende und geplante Webangebote werden genauer auf ihre Wirtschaftlichkeit achten müssen. Die lange fällige Konsolidierung im Web 2.0 wird endlich eintreten. Allerdings könnte dieser Bereinigung auch manch ein populäres, aber unrentables Onlineangebot zum Opfer fallen.

2009 werden alle - egal ob Privatpersonen, Angestellte oder Unternehmer - versuchen, mit Hilfe des Webs Kosten zu drücken, neue Vertriebswege aufzutun und die stattfindenden Umwälzungen mitzugestalten, um beim nächsten Boom als gestärkte Gewinner hervorzugehen.

2. Die aktuelle Krise wirkt wie ein Katalysator und beschleunigt die seit vielen Jahren stattfindende Revolution der Medien. Während sich das Fernsehen einigermaßen behaupten können sollte, wird es 2009 Printmedien, primär Tageszeitungen, richtig an den Kragen gehen. Das geschieht nicht, weil die Nachfrage nach gedruckten Nachrichten komplett verschwindet, sondern weil die Verlage auf die gefährliche Kombination aus sinkenden Werbeeinnahmen und langsam abwandernden, mehrheitlich jungen Lesern mit Sparmaßnahmen reagieren (müssen). Das wiederum führt zu einer abnehmenden Qualität der Publikationen und beschleunigt den Leserschwund. Profiteure sind Online-Nachrichtenangebote.

3. Im Zuge der Lancierungen von marketinggetriebenen, multifunktionellen Smartphones wie dem iPhone oder den Android-Geräten wird das mobile Web 2009 weiter an Bedeutung gewinnen und endlich den Mainstream erreichen, zahlreiche mobile Dienste und Services sind die Folge. Außerdem ist damit zu rechnen, dass auch die verbliebenen Social-Web-Verweigerer unter den Internetnutzern dem sozialen Netz beitreten werden. Unterstützend wirken die Vorstöße von Google, Facebook und MySpace, ihre Plattformen zu öffnen und ihre Funktionen auf beliebigen externen Sites verfügbar zu machen. Social Networking entwickelt sich von einer site-spezifischen Aktivität zu einer webweiten Angelegenheit, bei der User ihre Kontakte immer dabei haben, egal wo im Netz sie sich gerade befinden.

4. Ein weiterer Trend für 2009 sind Empfehlungen. Egal ob Musik, Videos, Artikel, Fotos, Locations oder Produkte/Dienstleistungen - zeitgleich mit der enormen Menge an Informationen sowie der zunehmenden Vernetzung der User steigt der Bedarf an maßgeschneiderten Tipps und Empfehlungen, nicht nur durch kluge Algorithmen, sondern auch von Personen, denen man vertraut. Gerade die Verknüpfung von E-Commerce mit dem Social Web zu Social Commerce ist für soziale Netzwerke interessant, für die hier ein mögliches, wenn nicht DAS zukünftige Geschäftsmodell liegt.

Bleibt die Frage nach dem Jahr für Jahr angekündigten Durchbruch des Semantic Web. Ist es 2009 endlich soweit? Vielleicht kommt es ja genau dann, wenn man es nicht prophezeit. Daher spare ich mir das jetzt.

 

Markus Spath:

Von meiner Stelle keine Prognosen, sondern zwei Wünsche für 2009:

1. Dem 'Open Stack' gelingt es, den theoretischen Ansatz in marktfähige Produkte umzusetzen.

2008 war das Jahr in dem alles sozial wurde, wo auch der versteckteste Winkel unserer digitalen Existenz einen Aktivitätsstrom produziert, der an anderen Stellen bewertet, kommentiert oder reaggregiert wird. Ein Nebeneffekt davon war ein Gefühl der fragmentierten Erfahrungen und zerstückelten Identitäten.

2009 wird es zu einer Konsolidierung kommen und damit zu einem Kampf, auf welcher Plattform sich die User als 'digitale Heimat' niederlassen. Heissester Kanditat dafür ist Facebook, aber für das Ökosystem Web wäre es besser, wenn es eine offene Lösung gäbe. Facebook offeriert hohen kurzfristigen Nutzen. Es ist aber auch ein Staubsauger, der vieles aufsaugt aber wenig rauslässt. Die mittelfristigen Opportunitätskosten werden üblicherweise übersehen.

Das Problem dabei: Auch wenn es die Bausteine dafür schon gibt (OpenID, OAuth und viele andere Technologien mit dem Prefix Open- oder Portable-) - von einer echten Massenmarktreife sind alle Ansätze noch weit entfernt, und Facebook ist ein geniales Produkt und wird immer besser.

2. Wir erleben im deutschen Raum ein paar Gründungen mit technischer DNA.

Fast alle international erfolgreichen Web 2.0 Anwendungen haben in ihrem Kern ein Team von einem, zwei oder drei Geeks, die ein konkretes Produkt für ein konkretes Problem entwickelten. Venture Kapital, Business Plan, spezialisierte Chief-X-Officers kamen erst danach, das technologische Sensorium blieb aber immer quasi eingebaut.

Im deutschen Sprachraum ist diese Personalunion Entwickler/Entrepreneur eher Mangelware. Überspitzt gesagt: Gegründet wird frisch aus der Business School, die Entwicklung wird outgesourct oder eingekauft. Die Technik ist ein notwendiges Übel.

Auch wenn man in Deutschland damit durchaus erfolgreich sein kann, international kann man damit natürlich nichts erreichen. Und auch wenn man erfolgreich ist, irgendwann stösst man an seine Grenzen und kommt mit den Entwicklungen nicht mehr mit. Das Paradebeispiel ist natürlich das studiVZ, da wird der eigene Erfolg nur noch ausgesessen und jeder Trend ignoriert. Aber auch Xing tut sich zumindest schwer - der Kauf von socialmedian ist eher ein Zeichen für ein vorhandenes Problembewußtsein als für eigene Kompetenz.

Natürlich gibt es auch hierzulande Startups mit technischer DNA. MindMeister, Plazes , Rivva, mite, Noserub oder Mento könnte man als Beispiele nennen, mit Einschränkungen auch Sevenload , Qype, DaWanda oder Xing. Und nicht jeder Webdienst braucht sie. Für den Standort Deutschland, die Szene und die User wär es aber wünschenswert, wenn wir 2009 noch viele andere Gründungen mit technischem Kern und eigener Vision sehen würden. Die Sterne dafür stehen gar nicht schlecht, weil es derzeit deutlich weniger Anreize gibt, am Reißbrett konstruierte und uninspirierte Dienste für den schnellen Exit zu starten.

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