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26.10.08

10 Fragen, die sich Startups spätestens jetzt stellen sollten

Das Web 2.0 wird erwachsen. Die Finanzkrise und schlechte Konjunkturaussichten beschleunigen den Prozess. Die folgenden zehn Fragen sollen Startups dabei helfen, ihre Schwächen zu eliminieren und ihre Erfolgschancen zu maximieren.

Eiszeit auch im Web?Die fetten Jahre sind wohl vorerst vorbei. Die durch das Platzen der Blase am US-Immobilienmarkt ausgelöste Finanzkrise entwickelt sich zu einer Krise die Realwirtschaft. Politiker und Wirtschaftsexperten rechnen für das kommende Jahr mit einer Rezession. Unabhängig davon, welche Ausmaße der Konjunkturabschwung tatsächlich haben wird, steht fest, dass auch das Web Business auf schwierigere Zeiten zusteuert.

Das Wachstum der Onlinewerbung wird sich verringern, die Zahlungsbereitschaft der Nutzer für nicht entbehrliche Webservices von einem niedrigen Niveau weiter abnehmen und der Zugang von Startups zu Kapital komplizierter. In den USA bereiten sich viele Webanbieter auf einen "nuklearen Winter" vor - vorrangig, in dem sie ihre Personalkosten senken und lieber zu früh als zu spät Teile der Belegschaft entlassen. Hire and fire eben.

Es ist unklar, wie stark derartige Maßnahmen von psychologischen Faktoren und der allgemeinen Hysterie statt von rationalen Überlegungen getrieben sind. Doch dass US-Webunternehmer um jeden Preis vermeiden wollen, ihr Startup gegen die Wand zu fahren, wie es während des Zusammenbruchs der New Economy vielen passiert ist, überrascht nicht.

Auch wenn durch die anstehende Konsolidierung viele ambitionierte Projekte scheitern und manch ein Entrepreneur vor einem Scherbenhaufen stehen wird, sind die Auswirkungen auf das Internet positiv zu bewerten. Web-2.0-Guru Tim O'Reilly erwartet eine verstärkte Konzentration auf echte Problemlösungen und Geschäftsmodelle, mit denen sich Geld verdienen lässt. Für Copycats wird es dagegen schwieriger, weil sie keiner mehr finanzieren will.

Das Web 2.0 der letzten drei bis vier Jahre war wie ein Spielplatz, auf dem sich jeder fast ohne Gefahren und Risiken ausgetobt und ausprobiert hat. Jetzt beginnt für junge und etablierte Startups das echte Leben, die Zeit des Erwachsenseins. Ausrutscher können fortan verheerende Konsequenzen haben. Die dem Kindesalter entwachsenen Onlineangebote müssen nun selbst für ihr Überleben sorgen. Die Zeit, in der sie vom Web-2.0-Spielplatz nach Hause kamen und einen reich gedeckten Tisch vorfanden, sind vorbei. Und das ist sicherlich nichts Schlechtes.

Nun, da die Spielplatz-Atmosphäre dem harten Alltag (und für einige dem Existenzkampf) gewichen ist, müssen sich Startups mehr als je zuvor auf ihr Produkt konzentrieren und sämtliche Schwächen ausmerzen, die bisher im allgemeinen Überschwang leichtfertig hingenommen wurden.

Es folgen zehn Fragen, die sich jeder Webunternehmer stellen sollte, um sein Angebot für eine schwache Konjunktur fit zu machen und anschließend gestärkt als lachender Überlebender hervorzugehen.

1. Was sind meine Kernfunktionen?

Immer wieder erhalten wir Mails von Startups, die sich vorstellen, aber einen unklaren oder schwammigen Produktnutzen kommunizieren. Andere versuchen, so viele Features wie möglich in ihr Angebot zu integrieren und sämtliche auf der Startseite anzupreisen. Beides schreckt ab. Wer sich die Frage nach den eigentlichen Kernfunktionen seines Services stellt, erkennt schnell, was unnötiger Balast ist und an welchen Punkten er weiterentwickeln muss.

2. Welche Probleme löst mein Produkt?

Auch das gibt es zu Hauf: Onlinedienste, die toll aussehen und technisch anspruchsvolle Funktionen bieten, die jedoch weder ein Problem lösen, noch einen anderen Mehrwert bieten. Zwar können sich auch solche Anbieter behaupten und bei Nutzern ein Bedürfnis generieren, das zuvor nicht existierte (Beispiel: Twitter), aber es ist erheblich schwieriger.

3. Bin ich ein Produkt oder ein Feature?

Social Networks werden immer komplexer. Über Entwickler-Plattformen integrieren sie zusätzliche Anwendungen. Was früher gut als eigenständige Site lief, macht sich heute unter Umständen besser als Feature oder Applikation innerhalb eines sozialen Netzwerkes.

Startups mit einem sehr simplen, leicht nachzuahmenden Service sollten darüber nachdenken, entweder ihre Featurepalette zu erweitern, ihre Reichweite mit Hilfe einer Facebook- oder OpenSocial-App zu erhöhen oder sich einem großen Social-Web-Anbieter zum Kauf anzubieten. Auf einem eigenständigen Einzelfeature ein Geschäftsmodell aufzubauen, ist riskant.

4. Erreiche ich die von mir anvisierte Zielgruppe?

Die meisten Webservices versuchen heute, eine möglichst große Zahl an Besuchern anzuziehen. Dabei kann es klug sein, sich stärker auf die Zielgruppe zu konzentrieren, für die man das Produkt gebastelt hat. Eine hohe Zahl an Seitenaufrufen bringt zwar ein paar Cents durch Anzeigeneinblendungen, sorgt aber auch für Kosten (Traffic, Supportanfragen) und im schlimmsten Fall für frustrierte Besucher, die an anderer Stelle im Netz ihrem Ärger Luft machen. Durch eine Konzentration auf die umworbene Nutzergruppe minimieren Webdienste den Streuverlust und steigern ihre Chancen auf die Generierung neuer Stammuser und Umsätze.

5. Nutze ich das Marketing-Potenzial des Social Webs hinreichend aus?

Gerade wenn Werbe-Budgets zusammengestrichen werden, können sich das soziale Netz und seine viralen Fähigkeiten als willkommene und vor allem kostengünstige Alternative erweisen. Mit einem kontinuierlichen, integrierten und glaubwürdigen Einsatz von Social-Web-Werkzeugen wie Corporate Blogs, Twitter, Präsenzen in sozialen Netzwerken, Social-News-Portalen sowie viralen Videos und Kampagnen lässt sich leicht für Aufmerksamkeit sorgen, die in neue User/Kunden/Kooperationspartner etc. umgemünzt werden kann. Es klingt offensichtlich, doch wird in der Praxis von vielen Startups vernachlässigt.

6. Was sind die Stärken und Schwächen meiner Konkurrenten?

Es gibt kaum einen Webanbieter, der nicht mindestens einen Wettbewerber mit einem ähnlichen Produkt hat. Ein genauer Blick auf Konkurrenten verrät über die eigenen Erfahrungen hinaus, was bei Usern ankommt und was nicht. Gleichzeitig hilft es, das eigene Angebot von dem der Konkurrenz zu differenzieren. Ein Alleinstellungsmerkmal zu finden, das niemand anderes bietet und das gleichzeitig von Internetnutzern nachgefragt wird, ist Gold wert. Ging es manch einem Internetunternehmen bisher darum, seinen Dienst möglichst eng an einen bestehenden Service anzulehnen, hat jetzt die besten Karten, wer anders (und dabei gut) ist!

7. Für was würden meine Nutzer am ehesten zahlen?

User dazu zu bringen, für bestimmte Funktionen oder Services Bares auf den Tisch zu legen, ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Wer es schafft, macht sich unabhängig von Onlinewerbung und hat in der Regel treue Nutzer - eine ideale Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Während die Zahlungsbereitschaft bei exklusivem oder besonders fesselndem Content am höchsten ist (z.B. Musik, Filme, Spiele), haben es einige wenige Unternehmen geschafft, unter Ausnutzung des Netzwerkeffektes Funktionen kostenpflichtig zu machen, die an anderer Stelle gratis zu haben sind, dort aber weniger Nutzen bringen (z.B. LinkedIn und Xing).

8. Betreibe ich ausreichend und richtige Pressearbeit?

Pressearbeit ist wichtig, und richtige Pressearbeit noch wichtiger. Unterschiedliche Medien wollen auf unterschiedliche Art angesprochen werden. Dabei muss gute PR nicht teuer sein. Gerade bei der Kontaktaufnahme mit Blogs - üblicherweise der erste Schritt, um auf sich aufmerksam zu machen - kommt eine persönliche Mail des Geschäftsführers oder eines anderen Team-Mitgliedes besser an als ein vorgefertigtes Schreiben einer PR-Agentur. Deren Einsatz dagegen ist sinnvoll, möchte man sein Produkt in einer großen Zahl von Tageszeitungen erwähnt finden.

All das hängt stark von der Zielgruppe des anzupreisenden Dienstes ab, was uns zurück zu Punkt 4 bringt. Grundsätzlich gilt es, ein unprofessionelles und amateurhaftes Auftreten gegenüber Blogs und Presse zu vermeiden, da dies kontraproduktiv ist. Spätestens wenn eine PR-Mail des eigenen Startups ihren Weg in das Postfach von Don Alphonso findet, sollten die Alarmglocken klingeln!

9. Wo kann ich Kosten sparen?

Vermutlich stellen sich die meisten von der Krise betroffenen Webdienste diese Frage als erstes. In meiner Liste kommt sie am Ende. Wer passende Antworten auf die vorherigen acht Problemstellungen findet und entsprechende Konsequenzen zieht, kommt im besten Fall um drastische Kostensenkungen herum. Davon abgesehen kann es natürlich nicht schaden, zu überprüfen, an welcher Stelle das Unternehmen unnötig Geld aus dem Fenster wirft.

Ganz nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" ist es keine Sünde, in schwierigen Zeiten das reichhaltige Gratisangebot von Softdrinks gegen Wasser auszutauschen, ein paar rauschende Champagner-Partys weniger zu feiern oder den 42-Zoll-Plasma-Bildschirm in der Küche vorerst nicht durch einen noch größeren zu ersetzen. Auch lässt sich Geld sparen, indem man für nicht kritische Prozesse auf die Anschaffung teurer Soft- und Hardware verzichtet und stattdessen auf das große Angebot an Office-, Kollaborations- und Produktivitätsdiensten im Web zurückgreift.

Wenn es ganz eng wird, kann man dann nämlich sogar die Büroräume kündigen und von zu Hause aus arbeiten. Aus Mitarbeitersicht sicher nicht optimal, aber der Weiterbetrieb des Webdienstes wäre gewährleistet. Kurz gesagt: Je weniger Geld vorhanden ist, desto kreativer müssen Webunternehmer sein.

10. Was kriege ich jetzt günstiger als zu Boom-Zeiten?

Es wird auch Webdienste geben, die von der aktuellen Situation profitieren, weil sie bisher alles richtig gemacht und ein tragfähiges, krisenfestes Geschäftsmodell gefunden haben. Für den, der über ausreichend liquide Mittel verfügt, bieten sich bisher nicht dagewesene Expansions- und Investitionschancen: Unter Geldknappheit leidende Startups werden sich zu Niedrigstpreisen aufkaufen und hochqualifizierte IT- und Webexperten für weniger Lohn einstellen lassen. Sollte es zu einem Einbruch bei der Onlinewerbung kommen, werden die Preise für Schaltungen sinken - möglicherweise der perfekte Zeitpunkt für eine umfassende Kampagne.

Foto: Flickr/txd

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