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Open Source

Unternehmen, öffne dich!

Früher wurden Produkte und Geschäftsideen hinter verschlossenen Türen entwickelt. Der Kunde wurde zum Kaufen hereingebeten und die Unternehmen fuhren die Gewinne ein. Doch in den vergangenen Jahren hat ein Umdenken eingesetzt: Viele Unternehmen integrieren heutzutage ihre Kunden in ihre Wertschöpfungskette – vom Innovationsprozesse bis hin zur Produktentwicklung. Ein Trend, der mit dem Aufstieg des Internets zum Massenmedium begann, aber längst an einigen Stellen die Grenzen der virtuellen Welt durchbrochen hat.

Die Anfänge: Linux vs. Microsoft

Bereits in den 90er Jahren wurde Software-Riese Microsoft mit dem neuen offenen Gedankengut konfrontiert. Der Finne Linus Torvalds entwickelte – anfänglich im Alleingang – die Basis des Betriebssystems Linux. Im Gegensatz zu Microsoft Windows, dem Angebot des Marktführers aus Seattle, ist der Programmcode frei zugänglich, sodass jeder Software-Entwickler das System ändern und erweitern kann. Ab 1992 wurde die Verbreitung von Linux durch die Lizenzierung unter GNU (General Public License) möglich. Eine von der Free Software Foundation herausgegebene Lizenz garantiert die Freiheit, alle Versionen eines Programms zu teilen und zu verändern.

Auch die kommerzielle Vermarktung kam in Gang: Unternehmen wie Red Hat entwickelten die freie Linux-Version weiter und boten sie als Konkurrenz zu Windows auf dem Markt an. Der Weg für Open Source war geebnet. Mitte 2002 kam z. B. der offene Webbrowser Mozilla Firefox auf den Markt, der heute – noch vor dem Microsoft Internet Explorer – der meist genutzte Browser im deutschen Sprachraum ist. Eine Gruppe von Menschen, die bereit waren, freiwillig, unentgeltlich und kollaborativ an einem Projekt zu arbeiten, haben dem Welt-Konzern Microsoft ein Schnippchen geschlagen.  

Das Web 2.0: Share with your friends

Etwa ab dem Jahr 2002 hat sich – im Zuge neuer Technologien und Tools – die Nutzung und Wahrnehmung des Internets grundlegend verändert. War es früher Wirtschaftsunternehmen, Institutionen, Verlagen oder Privatleuten mit ausreichend Zeit, Geld und Know-How vorbehalten, Inhalte zu produzieren, überschneiden sich heute die Grenzen zwischen Produzenten und Konsumenten. Internetnutzer sind heute potentielle "Prosumenten", die nicht nur passiv empfangen, sondern aktiv in den riesigen Inhaltspool des Internets einzahlen.

Blogs, YouTube, Social Networks, Twitter & Co. ermöglichen es – auch ohne technisches Fachwissen – Texte, Bilder oder Videos zu veröffentlichen und mit anderen kostenlos zu teilen: Von Experten privat geführte Fachblogs erreichen teilweise höhere Leserzahlen als redaktionell geführte Angebote; Bands wie die Arctic Monkeys verdanken Ihren Ruhm MySpace & Co.; die endlose Superpannen-Show auf YouTube läuft – zumindest bei den jüngeren Zielgruppen – dem Fernsehen den Rang ab. Private Angebote konkurrieren mit Inhalten von Verlagen und Medienunternehmen – und gelesen, gesehen und gehört wird nur noch das, was vielen gefällt. Denn auch Empfehlungen teilt man im Internet mit einem Klick – auf den "Share with your friends"-Button.

Do it yourself: Open Innovation, Mass Customization, Crowdsourcing

Mit dem Aufstieg des Mitmach-Web werden Nutzer nicht nur zu Autoren, Journalisten und Redakteuren – sondern darüber hinaus als Innovatoren, Produktentwickler oder Qualitätssicherer in die Wertschöpfungkette von Unternehmen mit einbezogen: Der US-Hardware-Hersteller Dell oder die Kaffeehauskette Starbucks etwa, bekommen auf ihren Portalen ideastrom.com oder mystarbuckidea.com wertvolles Feedback, hilfreiche Verbesserungsvorschläge und inspirierende Ideen zur Weiterentwicklung ihrer Angebote.Verbraucher erhalten so indirekt Einfluss auf den Innovationsprozess von Unternehmen. Doch nicht nur in dieser Hinsicht werden die Grenzen zwischen Unternehmen und Verbrauchern durchlässiger.

Im Zuge von Mass Customization-Konzepten erlangen Konsumenten Möglichkeiten, Produkte individuell auf Ihre Wünsche anzupassen: Bei MyMüsli mixt man sich sein individuelles Bio-Müsli, bei Sonntagmorgen den Frühstückskaffee dazu – und wer Sonntagnachmittag beim Joggen auffallen möchte, gestaltet sich via NIKEiD seine individuellen Sneaker. Das Web-Einrichtungshaus made.com richtet seine Produktpalette sogar via Online-Abstimmung auf die Wünsche seiner Kunden aus. Doch nicht nur in der virtuellen auch in der physischen Welt werden Konsumenten in Unternehmensprozesse integriert: Bei IKEA baut der Kunde seine Möbel schon lange selbst auf, Bahn- oder Flugtickets kauft man längst nicht mehr am Schalter, sie kommen aus dem eigenen Drucker.

Buzzriders: Offene Geschäftsentwicklung

Ordentlich Buzz (engl. Aufmerksamkeit) bekam Deutschlands bis dato erfolgreichster Blogger, Robert Basic, im Januar 2009 als sein Blog "Basic Thinking" einen Verkaufswert von knapp 50.000 Euro erzielte. Das Geld und das Medienecho nutzte Basic, um sein neues Projekt "BUZZriders" zu initiieren. Mit dem geplanten Portal will Basic das Web "lokalisieren" und den ortsgebundenen Austausch von Informationen, Produkten und Dienstleistungen vorantreiben. Das Besondere: Basic sieht sich zwar als Ideengeber und Initiator des Projekts, lädt aber jeden Interessierten ein, seine Geschäftsidee mit- und weiterzuentwickeln. "In BUZZriders kann sich jeder einbringen und mitgestalten, um ein Produkt für den Hausgebrauch zu entwickeln. Diese offene und partizipative Vorgehensweise in der Konzeptions-, Umsetzungs- und Produktionsphase soll den offenen Charakter unserer Gesellschaft spiegeln und atmen", heißt es auf der Projekt-Website. Basic öffnet also nicht nur einzelne Prozesse, sondern entwickelt sein gesamtes Geschäft offen und transparent.

Kollaborativer Autobau: Die Open Source-Welle schwappt ins Real Life

Nicht nur an Web-Projekten bzw. Unternehmen lässt sich der Mentalitätswechsel dokumentieren. Der Amerikaner Jay Rogers beispielsweise wendet mit seinem 2008 gegründeten Unternehmen Local Motors die Prinzipien des Web 2.0 auf die Autoproduktion an: Das amerikanische Start-up baute in den letzten Jahren nicht vornehmlich Autos, sondern sich eine Fangemeinde auf. Die besteht aus über 6.400 Mitgliedern – darunter viele Experten wie Mechaniker oder Industriedesigner – und diskutiert in Foren über Designs, Technik und Produktionsdetails. Hier stellte noch im Gründungsjahr der kalifornische Designer Sangho Kim den Entwurf eines Autos ein, der die Community begeisterte – und in nur sechzig Tagen wird der Wagen durchgeplant.

Es gibt bereits hundert Vorbestellungen für den "Rally Fighter", der in einer kleinen Fabrikhalle von zehn Mitarbeitern aus Motoren, Antriebswellen und Bremssystemen vom freien Markt zusammengebaut wird. Bei Local Motors wird also Autobau im kleinen Rahmen als Open-Source-Modell betrieben. Doch auch die Größen der Branche machen Anstalten, ihre Kunden intensiver in Unternehmensprozesse einzubeziehen: beispielsweise BMW in den Customer Innovation Labs oder Fiat auf seiner Idee-Plattform fiatmio.cc.

Die "Share Economy": Teile und Herrsche

Bereits in den 80er Jahren prägte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Harvard-Professor Martin Weitzman den Begriff "Share Economy". Der Wohlstand erhöhe sich, wenn er unter allen Marktteilnehmern geteilt werde – so seine Kernbotschaft. Im Jahr 2009 borgte sich dann die Hamburger Agentur sinnerschrader Weitzmans Wortschöpfung als Motto für die next conference – und machte den Begriff damit zum Neologismus. Denn sinnerschrader fasste unter dem Leitthema "Share Economy" die verschiedenen Trends der Internetgesellschaft zusammen: Das web wird social.

Jeder darf und soll mitmachen. Informationen werden geteilt und aus der Summe der Teile entsteht ein größeres Ganzes. Es entsteht eine neue Kultur, die von Offenheit und Transparenz geprägt ist. Schöne neue Internetwelt – an der gewinnorientierte Wirtschaftsunternehmen genauso teilhaben können wie interessierte Privatleute. Doch gerade für Unternehmen stellt sich die – auch auf der next conference viel diskutierte – Frage "How do we create a value by sharing?". Und erst, wenn die beantwortet ist, wird der Wandel hin zu einem offenen unternehmerischen Denken und Handeln wohl auch in der physischen Welt zum Mainstream werden.

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