"Wir brauchen nur ein Prozent ..."
Häufig liest man in Businessplänen den Satz: "Wir adressieren einen Markt von XXX Mio Euro und brauchen nur ein Prozent, um erfolgreich zu sein." Ernst gemeinte (!) Sätze wie dieser lassen sich in der Entstehung nur wie folgt erklären.
Im obligatorischen Kapitel "Markt & Wettbewerb" beginnen nahezu alle Businesspläne mit der sogenannten Top-down-Methode. Der Markt in dem man sich bewegt wird zunächst "von oben nach unten" analysiert. Dabei werden zunächst Marktdaten und das Branchenumfeld betrachtet. Auf der Marktseite gehört klassischerweise dazu, überhaupt eine Vorstellung zu haben, in welchem Markt man sich bewegen will, wie groß dieser Markt ist (Marktvolumen in €, t, clicks, …) und wer die für das Unternehmen relevanten Akteure sind (Endkunden, Fachhändler, Zwischenhändler, OEM, VAR, …). Handelt es sich um einen stagnierenden oder wachsenden Markt? Und wie hoch sind die Wachstumsraten? Welches Potential (in €, t, …) hat dieser für mich interessante Markt in einigen Jahren?
Diese Daten lassen sich noch relativ leicht finden bei Verbänden, der Fachpresse, Statistikamt, Marktforschungsinstituten usw. Schwieriger wird es da schon zuverlässige Daten und Erkenntnisse zu Erfolgsfaktoren, Trends und Kaufmotiven meiner potentiellen Kunden zu finden.
Hier wird man nur fündig, wenn man sich von der Makroebene zur Mikroebene hinbewegt. Märkte werden erst dann erfahrbar, wenn man sie für die eigenen Zwecke segmentiert. Dabei sind Fragen relevant wie: Welche Nischen sind für mich zunächst als junges Unternehmen adressierbar? Welche Zielmärkte kann ich mit den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen ansprechen? Wie ticken die von mir gewünschten Kundengruppen (Profil, Gewohnheiten, Kaufanlässe, …)?
So weit so gut. Top-down-Methoden sind sinnvoll und berechtigt. Aber jeder Gründer muss sich fragen lassen: WER – und zwar mit Person/Unternehmen und Adresse – sind die potentiellen Kunden, die zu den ein Prozent des Marktes führen?
Erst diese Bottom-up-Analyse krönt meine Marktbetrachtung. Ich muss "von unten nach oben" aufzählen können, wer meine Wunschkunden sind und wie groß damit mein potentieller Zielmarkt ist. Wer sind die ALLERERSTEN Kunden? Wenn ich diese erfolgreich anspreche, was bedeutet das für meinen Zielmarkt? Welchen potentiellen Marktanteil kann ich daraus ableiten?
Mit Sicherheit liegt der bottom-up ermittelte unter dem top-down analysierten Marktanteil. Das liegt schlicht daran, dass es schwerer ist, sich vorzustellen, wer tatsächlich kauft. Ganz selten komm es vor, dass man mit seinem Angebot im rechten Moment lospaddelt, den Upstream der Welle erwischt und auf der Welle reitet. Darauf zu spekulieren (und nichts anderes ist die Behauptung "wir brauchen nur ein Prozent ...") ist zu einfach.
Über den Autor
Oliver Bücken - Mitgründer der buecher.de AG - ist Dozent der UnternehmerTUM GmbH, dem "Zentrum für Innovation und Gründung"
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Kommentare zu "Wir brauchen nur ein Prozent ..."
Danke!
Vielen Dank für diese Analyse! Sie haben damit in wenigen Absätzen das erklärt, was mich am meisten an den vielen Ideen, die ich nicht fördern möchte, falsch ist: Dieses ewige "Aber wir brauchen doch nur einen winzigen Teil des gigantischen Marktes - das muss zu schaffen sein!" Man verlässt sich sozusagen darauf, dass man ins Gebirge hineinruft und von irgendwem, dessen Existenz man vermutet, eine positive Antwort bekommt. Leider rummst vielen dann allerdings bereits die Insolvenzlawine auf den Schädel.
Aufschlußreich...
So hatte ich das noch nie gesehen. Diese Top-Down-Verfahren ist bei mir bisher auch immer der Ansatz gewesen, potentielle Kundenzahlen zu ermitteln.
wirklich interessant!
Interessanter Ansatz! Viele Gründer machen es sich wirklich einfach. Oft konzentrieren sich Gründer beim Erstellen des Businessplans auf unwichtige Details. Das "Studieren" der eigentlichen Zielgruppe und des Marktes kommen meist zu kurz! Dank für den Beitrag!
Ohne echte Kunden - kein Start
Hallo,
ich habe denselben Fehler ebenso begangen. Seitdem gehe ich sogar noch einen Schritt weiter und es gilt für mich: "Ohne ganz konkrete Anfragen, Voraufträge, Bedarfsäußerungen von ganz konkreten Kunden aus der avisierten Zielgruppe fange ich nichts mehr an!"
Wir bruchen nur ein Prozent
Hallo,
die meisten Gründer können in ihrem Geschäftsplänen nicht erklären, wie sie an die 1 % Marktvolumen kommen wollen. Wo ist der wirkungsvollste Punkte meiner Strategie und wie erreiche ich meine Zielgruppe. Wer zahlt meine Leistungen und warum zahlt er meine Rechnungen?
Dipl.-Ing.
Sollte Herr Bücken mit seiner Veröffentlichung richtig liegen, so wird er mir auch bei meiner Innovationen, IP-Volksbauhaus und der energieeffizienten Gebäudehülle aus High-Tech Vakuumpaneele, auf einen marktorientierten Weg verhelfen können.