Atelier für Sonderaufgaben
Gründe lieber ungewöhnlich
Um Missverständnisse zu vermeiden: Frank und Patrik Riklin vom "Atelier für Sonderaufgaben" sehen sich nicht als Unternehmer, sondern als Künstler. Genauer, als Vollblutkünstler, die ihre Arbeiten nicht im Museum, sondern direkt "im Alltag der Menschen platzieren", wie etwa ihr neuestes Projekt, das "Null Stern Hotel": Einen Luftschutzkeller in der Gemeinde Sevelen verwandelten die beiden ein Erlebnis-Hotel der besonderen Art – unkomfortabel, unkonform, ungewöhnlich – und stießen damit auf positive Resonanz bei Gästen, Medien und Kooperationspartnern.
Schon seit Kindesbeinen probten die eineiigen Zwillingen den Nonkonformismus, sie stiefelten gemeinsam durch Wälder, suchen Kontakt mit Nachbarn und zufälligen Passanten, versuchen sich als Hausierer, stiften Irritation oder verbreiten Stimmung. Nach einer eher bodenständigen Berufslehre als Hoch-Bauzeichner verschrieben sie sich dann der Kunst: Frank Riklin absolvierte drei Semester an der Berner Fachhochschule und studierte an der HGK Zürich Bildende Kunst; Patrik Riklin studierte an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in Frankfurt am Main sowie an der Universität der Künste in Berlin.
Parallel zu ihren Studien entwickelten die Riklin-Zwillinge kontinuierlich das "Atelier für Sonderaufgaben" und schufen sich damit eine Plattform für ihre künstlerisch ambitionierten Projekte: Sie riefen Institutionen wie die "Freunde und Gäste-Bar" oder die "Stiftung für unübliche Gemeinschaften" ins Leben – und öffneten am 9./10. Oktober 2008 das "Null Stern Hotel" für einen ersten Testbetrieb. Das Resultat: Zahlreiche Buchungsanfragen aus dem In- und Ausland gingen ein, internationale Medien – u. a. CNN – griffen das Thema auf und innerhalb kürzester Zeit waren alle 14 Betten ausgebucht.
Eine Nacht im "Null Stern Hotel"
Im minimalistisch martialistischen Ambiente einer ehemals leerstehenden Zivilschutzanlage erwartete die Gäste nach Check-in, Welcome-Drink und gemeinsamem Abendessen eine Bett-Auslosung und ein Schlummertrunk im Schlafrock, bevor es dann nach einem Fotoshooting in die Zufalls-Betten ging. Am nächsten Morgen: Frühstück, Pressekonferenz auf der Bettkante, Check-Out.
"Das erste Prinzip des 'Null Stern Hotels' ist der Versuch, die räumlichen Ressourcen einer Zivilschutzanlage in eine attraktive Übernachtungsmöglichkeit zu verwandeln. Ambulante Kleinst-Eingriffe mit den Waffen der Kunst markieren dabei den Charakter der Intervention und verändern das räumliche Innenleben mit einfachsten Mitteln und innerhalb kurzer Zeit", erklärt Patrik Riklin das Konzept.
Das zweite Prinzip sei die Integration der Bevölkerung, erklärt er weiter. Sie solle eine spielerisch-humorvolle Rolle einnehmen können, indem auch sie lustvoll in den Prozess eingebunden werde und die neue Hotelanlage individuell belebe, betreue, beseele und in atmosphärische Räume verwandle. "Das dritte Prinzip des Null Stern Hotels ist", so Riklin, "einerseits die Standort-Stärkung einer touristisch unerschlossenen Region durch ein einzigartiges Produkt im Bereich einer Übernachtungsmöglichkeit, andererseits die Lancierung einer neuen Übernachtungs-Mentalität. Mit dem 'Null Stern Hotel' wird die Hotellandschaft in der Region entscheidend erweitert, indem vor allem das unübliche Erlebnis zu günstigen Preisen im Zentrum steht und nicht das klassische 0815-Hotelprinzip."
Kunst mit unternehmerischen Mitteln
Es schlummert also doch eine Prise Unternehmertum in der Künstlerseele, geht es doch darum das Produkt "Null Stern Hotel" an den Gast zu bringen, das künstlerische Konzept in die Welt hinauszutragen. Konsequenterweise wollen die Riklin-Brüder bis Ende Februar einen Businessplan schreiben, in dem ein Finanzierungsplan aufgestellt wird. Denn das Hotel soll sich selbst tragen, der Gemeinde sollen keine zusätzlichen Kosten entstehen.
Und auch die Internationalisierung ihrer Idee haben die beiden schon in Angriff genommen: Zusammen mit Daniel Charbonnier und Samira Singhvi von Minds in Motion SA, einer internationalen Beratungs- und Dienstleistungsfirma für Hotellerie und Tourismus, planen sie – allerdings als "Zero Star Hotel" – die weltweite Verbreitung des Konzepts. "Die Kunstinstallation 'Null Stern Hotel' in Sevelen stellt in diesem Moment eine Art 'Nukleus' oder 'Wurzel' dar, woraus der Geist für die Transformation in ein nachhaltiges Business geschöpft werden soll", erklärt Riklin.
Frank und Patrik Riklin haben mit dem "Null Stern Hotel" das geschafft, was sich viele Gründer wünschen: Sie haben ein innovatives Produkt entwickelt, das den Nerv der Zeit trifft, Kundenbedürfnisse befriedigt und letztendlich zum Selbstläufer geworden ist. Ihr Rezept: Querdenken gepaart mit Pragmatismus.
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