Kolumne von Oliver Bücken
Es kommt auf den Blickwinkel an
Was passiert eigentlich, wenn man angehende Ingenieure, Designer und Betriebswirte gemeinsam an folgende Aufgabe setzt: "Entwickelt doch bitte für verschiedene Materialien Anwendungen". Ideen sind schnell gefunden. Je mehr desto besser, getreu dem Motto von Linus Pauling: "The best way to have a good idea, is to have lots of ideas."
Interessant ist nun, dass Designer, Ingenieure und Betirebswirte komplett unterschiedlich denken, wenn es darum geht, neue Anwendungen in Form von neuen Produkten oder Dienstleistungen zu kreieren und einer Vermarktung nahe zu bringen.
Eine Vielfalt an Ideen
Sehr naheliegend, zumindest für mich, ist es, eine Nische, also ein kleines Teilsegment eines Marktes, als Ziel zu haben und zu attakieren. Dort dann erste Anwender oder Kunden zu finden und mit Hilfe deren Feedback das Produkt/die Dienstleistung weiterzuentwicklen. Ich weiß, dass ich damit nicht den Massenmarkt treffe, aber das kann ich vermutlich auf Grund meiner begrenzter Ressourcen auch gar nicht.
Der Ingenieur überlegt sich eher, welches Problem es zu lösen gibt. Er geht die Aufgabe logisch an und kommt nach reiflicher Überlegung und vielen Versuchen zu einer Lösung, wie das Problem einzig gelöst werden sollte. Konfrontiert man ihn mit unterschiedlichen Zielkunden oder Kundenbedürfnissen, so wird er vermutlich ebensoviel neue technische Lösungen entwickeln. Potentiell ein Fass ohne Boden.
Designer, also Produktentwickler, haben dagegen noch eine andere Denke. Ein neues Produkt/ eine neue Dienstleistung für eine Zielgruppe zu entwickleln, ist für sie eine ziemlich komische Geschichte. Sie versuchen den Blick zu weiten und das Produkt/ die Dienstleistung unabhängig von Zielgruppen zu entwicklen. Die Argumentation lautet: die Zielgruppe kann sich ändern. Und vor allem, es gibt diese Zielgruppe ja noch gar nicht, weil das Produkt ja neu ist. Deshalb gehen Designer im Denken absichtlich einen Schritt zurück und fragen sich: "Für welche Aufgabe ist das Design?" Potentiell höchst interessant. Getreu der Erkenntnis: "Almost all product design is in fact innovation, but the converse is not true."
Kulturen-Clash der Disziplinen
In der aktuellen Spring School der UnternehmerTUM arbeiten Studenten aus den internationalen Master-Studiengängen "Advanced Materials Science (AMS)" und "Industrial Design" sowie Doktoranden der TU München zwei Wochen intensiv zusammen. Der Fokus in diesem Seminar liegt darauf, unternehmerische Fähigkeiten zu erwerben und Geschäftskonzepte zu entwickeln. Die Teilnehmer schließen sich in interdisziplinären Teams zusammen, erarbeiten einen Businessplan und entwickeln Prototypen/ Modelle, um die Erfolgschancen ihrer Geschäftskonzepte zu evaluieren.
Dieser Kulturen-Clash zwischen den Disziplinen ist für alle Teilnehmer heilsam, weil er während der Geschäftskonzeptentwicklung passiert. Jeder betrachtet die Dinge, die für ihn bisher normal erschienen, aus einem anderen Blickwinkel. So entstehen in zwei Wochen wirklich innovative Geschäftskonzepte. Anders bei vielen Gründungen - welches Gründerteam ist denn wirklich interdisziplinär von Beginn an aufgestellt? In der Realität sind es nur ganz wenige.
Über den Autor
Oliver Bücken - Mitgründer der buecher.de AG - ist Dozent der UnternehmerTUM GmbH, dem "Zentrum für Innovation und Gründung"
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Kommentare zu Es kommt auf den Blickwinkel an
Interdisziplinäre Teams schon in der Hochschullehre fördern!
Den Beitrag von Herrn Oliver Bücken finde ich sehr interessant und höchst aktuell. Wenn ich an meine eigene Hochschulzeit denke, wurde auch nicht so viel Wert auf interdisziplinäre Teams bei Projektarbeiten o.ä. gelegt.
Glücklicherweise gibt es viele engagierte ProfessorInnen, die dieses Problem entdecken und entsprechende Lehrangebote zur Verfügung stellen.
An der Uni Paderborn gibt es z.B. das von Prof. Dr. Suhl initiierte Interdisziplinäre Projekt für Master-Studierende. Hier können anspruchsvolle Praxisprojekte zusammen mit Unternehmen durchgeführt werden. Wir haben dafür jetzt die Koordination übernommen, da es für einen Lehrstuhl ziemlich schwierig ist, die Projektthemen selbst einzuholen.
Studierende erlernen hierbei Projektmanagement direkt in der Praxis und arbeiten dabei in interdisziplinären Teams zusammen. So lernt man in einem Modul die wichtigen Fähigkeiten, mit unterschiedlichen Sichtweisen zurechtzukommen.
Informationen dazu findet man unter http://www.studentservice.de/14.html
Wir würden uns wünschen, dass diese Art von Projekten-Modulen auch an anderen Hochschulen durchgeführt werden. Wir finden, dies ist eine prima Sache!