Die deutsche Venture Capital-Szene vor zehn Jahren
Sein Unternehmen mit Venture Capital finanzieren – das ist auch in Deutschland Praxis. Doch wie stand es vor zehn Jahren um diese Finanzierungsform? Olaf Jacobi, Partner beim Münchner Venture Capital-Investor Target Partners, beschreibt in seiner neuen förderland-Kolumne, wie der deutsche Venture Capital-Markt aussieht.

Die Venture Capital-Szene befindet sich noch im Auf- und Ausbau. Das war der Tenor der ersten beiden Kolumnen über die Marktentwicklung und die Zahlen und Fakten des deutschen Venture Capital-Markts. Daher gibt es auch nur wenige namhafte deutsche Venture Capital-Investoren, wie die Kolumne über das Who-is-who der deutschen Venture Capital-Szene verdeutlichte. War das schon immer so?
Das Jahr 2010 lädt ein, zehn Jahre zurückzublicken. Wie sah die Venture Capital-Szene in Deutschland vor zehn Jahren im Vergleich zu heute aus?
Die Jahrtausendwende
Das Jahr 2000 war nicht nur eine Zeitenwende, sondern auch eine für die deutsche Venture Capital-Szene. Durch den Boom am Neuen Markt (damals stand der Neue Markt Index, NEMAX, bei fast 8.000 Punkten – zum Vergleich: am Ende des Börsenbooms lag er bei nur noch 350 Punkten) gab es zahlreiche Exits durch IPOs (Börsengänge) von Venture Capital finanzierten Unternehmen. Im Sog dieses Exit-Kanals und der wachsenden "New Economy" formierten sich zahlreiche Venture Capital-Gesellschaften.
Aufgeblasen
Diese Euphorie hatte gravierende Auswirkungen entlang der Wertschöpfungskette "Unternehmensbeteiligungen": Private Anleger investierten blind und ahnungslos in Aktien. Venture Capitalisten finanzierten zum Teil unüberlegt Start-ups. Sie hatten dabei vor allem schnelle Exits, nicht aber nachhaltige Business Modelle und Technologien im Kopf. Auch Fonds-Investoren riskierten viel: Sie gaben neuen Venture Capital-Teams Geld, ohne dass diese ihr Können bereits unter Beweis gestellt hatten. Die Folge: Zu dieser Zeit existierten in Deutschland weit über 100 private Venture Capital-Gesellschaften. Diese investierten oftmals in Finanzierungsrunden mit überhöhten Bewertungen für Business Cases beziehungsweise Produkte, die zum Zeitpunkt des Investments häufig nur auf Powerpoint-Folien existierten.
Geplatzt
Die Blase platzte bald darauf. In Deutschland mit einem lauteren Knall als beispielsweise in den USA. Die noch junge deutsche Venture Capital-Szene erfuhr in den Jahren 2001 bis 2004 eine Tabula rasa. Von den über 100 Venture Capitalisten blieben nur wenige übrig - wie wenige, das wurde in der Kolumne über die Zahlen, Daten und Fakten der deutschen Venture Capital-Szene beschrieben.
Zehn Jahre später
Alle Beteiligten (Unternehmer, Business Angels, Venture Capitalisten und Fond-Investoren) lernten aus dem damaligen Hype. Einen euphorischen Lemminge-Effekt wie vor zehn Jahren wird es wohl nicht mehr geben. Die heute etablierten Venture Capital-Investoren handeln überlegt und führten in den vergangenen Jahren professionelle Prozesse ein. Viele bauten ein dichtes und erfahrenes Netzwerk von Industrieexperten auf, die mit Rat und Tat unterstützen. Insgesamt ist die deutsche Venture Capital-Szene näher zusammen gerückt – man kennt sich und man tauscht sich aus.
Ein weiterer positiver Effekt ist, dass es heute weitaus mehr "Serial Entrepreneurs" gibt als vor zehn Jahren. Viele Unternehmer bauen zum zweiten oder sogar zum dritten Mal ein Start-up auf. Dabei agieren sie mit einem größeren Erfahrungsschatz als noch bei der ersten Gründung.
Man sollte also das gesamte "Ökosystem" betrachten – Unternehmer, Business Angels, Venture Capital-Investoren. Dieses System wächst, lernt und wird mit jeder Unternehmer- und Venture Capital-Fond-Generation reifer und professioneller.
In der kommenden Kolumne vergleiche ich die deutsche mit der US-amerikanischen Venture Capital-Szene.
Zur Person:
Olaf Jacobi ist Partner bei Target Partners in München und investierte in der Vergangenheit als Business Angel in junge Unternehmen im IT- und Internet-Bereich. 2005 gründete er Collax Inc. (Boston und München), die Linux-Serversysteme für den Mittelstand anbietet und leitete das Unternehmen bis Ende 2006 als CEO. Zuvor war Olaf Jacobi Investor und Vertriebsvorstand der Cobion AG (IT-Security Software), die 2004 erfolgreich an ISS Internet Security Systems Inc. (Atlanta) verkauft wurde.
Von 1999 bis 2002 gehörte er zum Vorstand der ACG AG (NEMAX 50). Von 1992 bis 1999 war Olaf Jacobi in verschiedenen Managementpositionen im IT-Sektor tätig, unter anderem als Senior VP Marketing und Mitglied der Geschäftsführung der Minolta GmbH.
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