Kolumne von Oliver Bücken
Gleiche Ungleichheit
Ich blicke im Seminar immer wieder in erstaunte Gesichter, wenn Teams annehmen, bei einer Gründung sollten die Gesellschaftsanteile gleichverteilt sein, ich aber gegenteiliger Meinung bin. Schließlich, so halten mir die Studenten entgegen, hat man sich doch zusammengerauft, an der Geschäftsidee nächtelang gefeilt, Befragungen durchgeführt, am Prototypen gearbeitet, einen Businessplan geschrieben und Feedback von potenziellen Kunden und vom Markt eingeholt.
Alle Teammitglieder spüren, dass sie an einer klasse Geschichte arbeiten, die immer mehr Kontur bekommt - je mehr man gemeinsame Arbeitsergebnisse erzielt, zum Beispiel Interviews zusammen vorbereitet und gemeinsam durchführt, etwa indem einer interviewt und einer beobachtet und man anschließend die Ergebnisse auswertet. Oder indem man Experimente durchführt oder am Prototypen arbeitet. Diese gemeinsam erzielten Arbeitsergebnisse führen dazu, dass die Einzelnen sich erst als Team begreifen.
Wie also soll man in so einer Situation, in der alle im gleichen Boot sitzen, in dem sich das Team bewährt hat, bei der Gründung die Gesellschaftsanteile verteilen? Es ist doch quasi unmöglich im Nachhinein aufzudröseln, wer wie viel in der Vorgründungszeit beigetragen hat. Sind Beiträge, die später hinzugekommen sind, weniger wert als der initiale Ideen-Beitrag? Diese Fragen sind müßig, wenn es darum geht, ein Unternehmen fit zu machen, um Beteiligungskapital anzuziehen für ein schnelles und starkes Wachstum.
Es wird einen natürlichen "Primus" geben, der die Richtung und die Geschwindigkeit vorgibt und der am fähigsten ist, die geeigneten Personen zum Mitmachen zu bewegen. Diese Person sollte die meisten Anteile bekommen, aber bitte deutlich unter 50 Prozent. Andere Teammitglieder, die auch von Anfang an mitgearbeitet haben, sind zwar auch wichtig - einer vielleicht, der die Idee hatte; ein anderer, der den ersten Code geschrieben hat; oder ein anderer, der Zahlen zusammengetragen hat. Aber diese Teammitglieder sind nicht so wichtig, wenn es um die Beachtung von Business Angels oder Venture-Capital-Gebern geht. Kapitalgeber steigen nicht in ein Unternehmen ein, wenn die Anteile gleich unter den Gründern verteilt sind!
Trotz dieser bewussten "Ungleichheit" bei den Anteilen kenne ich viele Gründungen, bei denen die operativen und strategischen Entscheidungen im Gründerteam gemeinsam "unter Gleichen" getroffen werden, unabhängig von den Anteilen. Die initialen Gründer sind eben zusammengeschweißt durch gemeinsame Arbeitsergebnisse und verstehen sich "unter Gleichen" - trotz unterschiedlicher Gesellschaftsanteile. Und das ist gut so.
Über den Autor
Oliver Bücken - Mitgründer der buecher.de AG - ist Dozent der UnternehmerTUM GmbH, dem "Zentrum für Innovation und Gründung"
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