Interview mit Frank Westphal, Rivva.de
"Wer nur für den deutschsprachigen Markt oder die Web 2.0-Nomaden designt, wird eher früh auf die Sandbank laufen"
förderland im Gespräch mit Frank Westphal, Betreiber von Rivva.de, über die Bewältigung der Informationsflut, das mobile Web, eine neue Welt für Entrepreneure und eine kleine ausgeklügelte Such- und Findemaschine.
förderland: Herr Westphal, wer sind Sie, was können Sie, was machen Sie?
Frank Westphal: Ich bin freier Softwareentwickler aus Hamburg. Die vergangenen Jahre war ich hauptsächlich als Extreme-Programming-Coach unterwegs - Stichwort: Agile Softwareentwicklung. Letztes Jahr habe ich bei Qype angeheuert, dieses Jahr gönne ich mir ein Sabbatical. Um dabei nicht aus der Form zu kommen, habe ich Rivva aus der Taufe gehoben.
förderland: Wie ist die Idee zu Rivva entstanden?
Westphal: Mit Rivva wollte ich eines meiner größten eigenen Probleme lösen. Das Netz wird schneller und schneller - zum Live-Web. Dadurch wetteifern immer mehr Dienste und Informationen um immer weniger Zeit und Aufmerksamkeit. Ohne passende Strategien ist es nahezu unmöglich, der heutigen Informationsflut noch Herr zu werden, die Spreu vom Weizen zu trennen, das Signal vom Rauschen.
förderland: Was genau verbirgt sich hinter dem Projekt?
Westphal: Rivva verfolgt die deutschsprachige Blog- und zunehmend auch Online-Medienlandschaft mit dem Ziel, den Zeitgeist und die aktuellen Themen einzufangen. Technisch steckt dahinter eine kleine ausgeklügelte Such- und Findemaschine, die verwandte Diskussionsstränge gruppiert und mehrmals stündlich zu einer Top-News-Seite aggregiert. Also nicht unähnlich Google News - nur, dass Blogger darüber herrschen, welche Storys auf der Titelseite landen und welche nicht.
förderland: "Rivva crawlt nicht alle deutschsprachigen Weblogs", sondern nach Ihren eigenen Aussagen "nur eine kleine (hoffentlich) aussagekräftige Menge". Welche Kriterien spielen hier eine Rolle?
Westphal: Der Pool beobachteter Informationsquellen befindet sich ständig im Fluss. Wie Google betrachtet auch Rivva einen Hyperlink als Empfehlung. Wird ein Artikel von verschiedenen Seiten verlinkt, wird das entsprechende Blog automatisch in den Pool aufgenommen. Bringt ein Weblog keine interessanten neuen Beiträge oder fällt es in der Gunst seiner Bloggerkollegen ab, fliegt es wieder raus. Rivva nutzt einfach das Prinzip der Peer-to-Peer-Empfehlung als Qualitätskriterium.
förderland: Sind Blogger die besseren Journalisten?
Westphal: Nein, glaube ich nicht. Blogger bringen allerdings mehr Leidenschaft für ihre Themen mit und sind in der Regel Experten auf ihrem Gebiet. Ein wenig Authentizität macht einen großen Unterschied.
förderland: Wie würden Sie Ihre Zielgruppe definieren?
Westphal: Bisher wird Rivva wohl größtenteils vom Blog-Insider-Kreis gelesen. Wer jedoch Geoffrey Moores vorzügliches Buch 'Crossing the Chasm' gelesen hat, weiß auch, dass jede neue Idee die Kluft von den Innovators/Early Adopters zur Early Majority überspringen muss - oder stirbt. Dazu gehört, dass Letztere in der Regel ganz anders angesprochen werden wollen und auch gänzlich andere Bedürfnisse haben. Mein wildester Traum ist, dass Rivva die partizipativen Medien ein Stück weit hoffähiger machen, mehr Bewusstsein schaffen und die Einstiegshürde senken könnte.
förderland: Wollen Sie mit Rivva eines Tages Geld verdienen? Wenn ja, wie?
Westphal: Vorerst möchte ich Rivva von der Geldfrage befreit weiter ausbauen, verbessern, vereinfachen. Langfristig gesehen, muss ich den Dienst natürlich irgendwie refinanzieren - oder einstellen. Momentan experimentiere ich mit vertikalen Rivvas und Personalisierung, so dass Sponsoring, gezielte Werbung oder Blöcke für nicht-organische Beiträge denkbare Erlösquellen sein könnten.
Den weitaus größeren Wert sehe ich im Moment allerdings in der
entwickelten Technologie selbst und den gesammelten Metadaten. Vielleicht kann ich Rivva eines Tages als White-Label-Lösung anbieten oder als Service an Dritte lizenzieren, so wie es Sphere vormacht.
förderland: Was unterscheidet Rivva von Techmeme?
Westphal: Gabe Riveras Techmeme ist mein großes Vorbild. Eineinhalb Jahre habe ich darauf gewartet, dass jemand die Idee auf deutschsprachige Blogs überträgt. Da sich nichts tat und ich den Dienst für unbezahlbar halte, habe ich Rivva gestartet. Hat Techmeme anfangs noch konzeptionell Modell gestanden, so beginnt Rivva langsam seinen ganz eigenen Weg einzuschlagen.
förderland: Rivva befindet sich in der Betatestphase. Was steht momentan noch auf Ihrer ToDo-Liste?
Westphal: Suchfunktionen liegen als Nächstes auf der Hand - zunächst Recovery, später Discovery. Mittelfristig möchte ich Rivva zu einem kleinen, feinen Mediendienst ausbauen, soviel sei verraten. Das Potential meiner Datenbasis ist noch lange nicht ausgeschöpft.
förderland: Basteln Sie derzeit noch an anderen Projekten?
Westphal: Ja, ich habe mir zur Angewohnheit gemacht, immer an drei Ideen parallel zu arbeiten. Mehr gibt es dazu derzeit jedoch noch nicht zu erzählen.
förderland: Sie waren für das Konzept und die Entwicklung von Qype mitverantwortlich. Sind Sie mit dem Resultat zufrieden?
Westphal: Nein, ich bin nie mit dem Status Quo und Erreichten zufrieden, wie mir einer meiner besten Freunde frech ins Vorwort meines eigenen Buches geschrieben hat. Dennoch, Qype hat sich einen Platz an der Bar erkämpft und gehört heute zu den größten und bedeutendsten Social Networks Deutschlands - eine Glanzleistung, auf die Stephan Uhrenbacher und das gesamte Team stolz sein können.
förderland: Wollten Sie schon immer Ihr eigener Chef sein? Was reizt Sie an der Selbstständigkeit?
Westphal: Ich bin da mehr oder weniger reingestolpert, als die Nachfrage
nach erfahrenen XP-Coaches zu New-Media-Zeiten geradezu explodierte. Als ich mich jedoch endlich von meinem damaligen Job losgesagt hatte, war die Blase schon am Platzen und ich damit arbeitslos. Wie es aber
so ist, die besten Geschichten entstehen meist aus kleinen Unfällen. Ich genieße meine Freiheit heute doch sehr.
förderland: Wo geht`s Ihrer Meinung nach hin, mit der neuen deutschen Web 2.0-Gründerwelle?
Westphal: Ich hoffe, dass die Welle noch eine ganze Weile lang anhält, befürchte allerdings, dass schon 2008 relativ stark gesiebt wird. Insbesondere wer nur für den deutschsprachigen Markt oder die Web 2.0-Nomaden designt, wird eher früh auf die Sandbank laufen. Zudem - wenn die Gesetzgebung in Deutschland nicht schleunigst mal ins moderne Internetzeitalter befördert wird, werden wir international bald nur noch das Schlusslicht bilden oder Talente weiterhin ans Ausland verlieren.
Sehr angenehm finde ich hingegen, dass das mobile Web endlich ins Rollen kommt. Nachdem Social Networks zur Massenware geworden sind, werden sich viele auf's neue iPhone stürzen ... eine großartige neue Welt für Entrepreneure!
förderland: Vielen Dank für das Gespräch.
© 2007 förderland
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Kommentare zu "Wer nur für den deutschsprachigen Markt ...
Danke
Kurze aber aussagekräftige und zielstrebige Antworten. Da muss man doch gleich mal dranbleiben ( und gleich mal http://rivva.de/ adden). Und wenn s schon nicht dasteht hier von mir http://www.frankwestphal.de/