Kommentar - Das Internet ist eine pdf-Datei
28.10.08 08:00
Kommentar

Das Internet ist eine pdf-Datei

Die deutschen Politiker und die Informationstechnologie – zwei Welten, die nur langsam zueinander finden. Vielleicht liegt das daran, dass die Volksvertreter im Deutschen Bundestag im Schnitt 49,3 Jahre alt sind. Zwei der drei Regierungsparteien, SPD und CSU, liegen sogar noch über der Marke von 50 Jahren. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass die Bundesregierung beim Beschluss neuer Regelungen im Internet- oder IT-Bereich öfters den Eindruck erweckt, hinter dem Mond zu leben. So auch jetzt.

Im konkreten Fall geht es um die "Verordnung über die Pflichtablieferung von Medienwerken an die Deutsche Nationalbibliothek", auch kurz: "Pflichtablieferungsverordnung (PflAV)" genannt. Sie ist am 22. Oktober im Bundesgesetzblatt erschienen und damit rechtskräftig. Betreiber von Internetangeboten werden darin verpflichtet, eine Kopie ihrer Seiten bei der Deutschen Nationalbibliothek abzuliefern. "Beispiele für Netzpublikationen sind elektronische Zeitschriften, E-Books, Hochschulprüfungsarbeiten, Digitalisate, Musikdateien oder auch Webseiten", heißt es bei der Deutschen Nationalbibliothek. Verschont bleiben immerhin Websites, die "rein privaten oder rein gewerblichen Zwecken dienen". Beschreibt ein Unternehmen auf seinen Seiten also ausschließlich die eigenen Services und Angebote, ist es nicht archivierungspflichtig. Auch Weblog-Betreiber können zurzeit noch aufatmen. An eine Erfassung ihrer Inhalte ist zurzeit noch nicht gedacht.

Geradezu skurril wird es jedoch bei den Dateiformaten, in denen die Internet-Kopien angeliefert werden sollen. Am liebsten hätten die Nationalbibliothekare jede einzelne Content-Seite als pdf-Datei. Oder man schicke doch bitte das gesamte eigene Angebot als HTML-Seiten, zusammengefasst zu einer zip-Datei. Wer jetzt das Gefühl bekommt, dass diese Regelung nicht nur weltfremd, sondern auch teuer ist, liegt richtig: Schon vor einem Jahr schätzte der IT-Branchenverband Bitkom die Kosten für diese Umwandlungs- und Organisationsorgie auf satte 115 Millionen Euro pro Jahr.

Auf den Gedanken, vielleicht mal bei archive.org nachzufragen und sich dort über eine praktikablere Lösung zu informieren, kam von den handelnden Akteuren niemand. Dass man den Archivierungsprozess über sogenannte Crawler sogar automatisieren könnte, scheint den Politiker-Experten wohl noch niemand eingeflüstert zu haben.

Übrig bleibt eine Lösung, die den ach so modernen "IT-Standort Deutschland" in einem beschämenden Licht erscheinen lässt. Man könnte meinen, in unserem Land gäbe es keine IT-Experten. Und die Unternehmen bleiben zurück und müssen die Zeche zahlen. Erschwerend kommt hinzu, dass es für viele Details überhaupt noch keine Lösung gibt. So weiß die Nationalbibliothek zum Beispiel noch gar nicht, wie sie den zu erwartenden Daten-Overflow überhaupt bewältigen soll. Und wie die eingehenden Informationen gepflegt und wie oft sie aktualisiert werden sollen, steht zurzeit auch noch nicht fest. Was für ein amateurhaftes Chaos!

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Kommentare zu Das Internet ist eine pdf-Datei

Crawler

die "Crawler" kommen aber auch nicht überall hin - viele Webmaster sperren sie aus, aus guten Gründen. Sofern man keine Seiten vor der Archivierung verschonen will wäre dieser Ansatz der "richtigere".

Diese Nachricht wurde von Permafrost am 17.11.08 (09:05:06) kommentiert.
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