förderland vor Ort - "Kaum Unternehmerpersönlichkeiten im sozialen Sektor"
26.04.08 10:00

förderland vor Ort

"Kaum Unternehmerpersönlichkeiten im sozialen Sektor"

Gerade startete die neue Veranstaltungsreihe von UnternehmerTUM, der Gründerinitiative der Technischen Universität (TU) München, und der Hörsaal 0606 war voll. förderland kam zu spät und musste sich mit einem Platz auf der Fensterbank begnügen. Doch das geriet bald in Vergessenheit, denn Norbert Kunz von iq Consult zog die Zuhörer schnell in seinen Bann.

Norbert Kunz (49) kann auf ein bewegtes Unternehmerleben blicken. Noch während seines Studiums gründete er 1989 die erste GbR – allerdings eher gezwungenermaßen. Das Gebäude, in dem er und seine Mitstreiter ein paar Räume beziehen wollten, war nur ganz oder gar nicht zu haben. "Daraufhin sammelten wir unsere ersten Erfahrungen mit Mikrofinanzierung, denn wir waren ja alle pleite", lächelte Kunz. Die Mikrofinanzierung und die Arbeit für Kulturschaffende sollten Kunz fortan durch sein weiteres Businessleben begleiten. 1994 gründete er die Firma iq Consult und entwickelte einen bundesweiten Modellversuch, um Jugendliche mit Migrationshintergrund aus Berlin-Kreuzberg zum IHK-Abschluss zu führen.

Der Bankkaufmann und Diplom-Handelslehrer arbeitete danach auch als Geschäftsführer einer Filmproduktionsfirma und ging in den Vorstand des Carsharing-Unternehmens "stattauto". Die Social Entrepreneurship verlor er dabei nie aus den Augen. Er entwickelte unter anderem mit "Enterprise" und "EnterAbility" Programme, die Arbeitslosen, Behinderten und anderen benachteiligten Gruppen die Gründung von Kleinfirmen ermöglichen sollten – auch mit Krediten bis zu 10.000 Euro. Dabei könne dann auch Großes entstehen, so Kunz. "Zum Beispiel stellte sich ein Mann bei mir vor, der als Geschäftsidee für die Telekom-Leitungen die nötigen Ausschachtungen machen wollte. Heute hat er knapp 60 Angestellte und ist gut im Geschäft."

Neue Gründertypen träfen in Deutschland auf traditionelle Strukturen, meint Kunz. "Deshalb war es mein Ziel, eine qualitativ hochwertige Gründungsinfrastruktur für alle zu schaffen." In seiner Organisation können Gründer ihre Geschäftsideen präsentieren und einer Bewertung unterziehen. "Wir schicken nie jemanden weg, wir wollen die Leute ja zum Gründen empowern", beschrieb Kunz seine Philosophie. "Wenn jemand nach den Gesprächen mit uns nicht gründet, dann aus eigener Einsicht." Die Quote der erfolgreichen Gründungen beziffert Kunz jedoch auf satte 75 Prozent.

Wer in Deutschland über 1.000 Menschen ins Unternehmertum geführt hat, darf sich "Social Entrepreneur" nennen. Bei Kunz sind es schon mehr Gründer. Und eine Ehre wurde ihm jetzt auch zuteil: Die gemeinnützige Ashoka-Foundation hat ihn als Fellow ausgezeichnet. Ashoka unterstützt Social Entrepreneurs mit Stipendien, damit sie sich besser vom Tagesgeschäft abkoppeln können und finanziell entlastet werden. "Machen Sie sich aber keine Illusionen über die Höhe des Stipendiums", meinte Kunz mit einem Augenzwinkern, "das liegt etwa bei BAT III. Ich könnte woanders viel mehr Geld verdienen, aber ich mache es trotzdem gerne." Wie wirksam die Arbeit von Social Entrepreneurs ist, zeigt eine Studie. Sie hat ergeben, dass die Leistungen eines Fellows nach fünf Jahren etwa 174.000 Menschen zugute kommen. Und Kunz wird weitermachen, obwohl er in Deutschland nicht immer nur gute Erfahrungen gemacht hat. "In Deutschland gibt es meist mehr Tadel als Lob. Es gibt kaum Unternehmerpersönlichkeiten im sozialen Sektor."

förderland hält diese Kritik für absolut berechtigt. Ob gemeinnützig oder nicht – solange Gründer-Elan in Deutschland von bürokratischen Hürden gebremst wird, ist es kein Wunder, dass nur wenige Menschen auch nach der Gründung weitermachen und nicht gleich wieder aussteigen.

Zum Schluss noch ein amüsant-lebensnaher Tipp von Norbert Kunz für alle Kleingründer: "Wir haben uns damals jeder nur 2.000 Mark geliehen. Das konnte man nämlich bei Bedarf schnell zurückzahlen – indem man es sich woanders borgte."

© 2008 förderland

© 2009 förderland
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